Warum gute Führung heute neu gedacht werden muss | Cora Focus

Warum gute Führung heute neu gedacht werden muss

Fachliche Führung als Antwort auf Komplexität – und warum ihre Einführung anspruchsvoller ist als erwartet

Führung verändert sich derzeit grundlegend. Nicht weil Hierarchien verschwinden, sondern weil Dynamik, zunehmende Spezialisierung und steigende regulatorische Anforderungen die Anforderungen an Führung verändern. Einzelne Führungskräfte können fachlich immer seltener alle Themen gleichermaßen überblicken und in jedem Bereich die beste Entscheidung selbst treffen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt fachliche Führung an Bedeutung. Die Idee dahinter ist überzeugend: Fachliche Entscheidungen sollen dort getroffen werden, wo die größte Expertise vorhanden ist, während sich disziplinarische Führung stärker auf Orientierung, Zusammenarbeit, Personalentwicklung und strategische Steuerung konzentriert.

Dennoch zeigt sich in vielen Organisationen, dass zwischen diesem Anspruch und seiner Umsetzung eine deutliche Lücke besteht. Die Einführung fachlicher Führung ist häufig weniger eine strukturelle als vielmehr eine organisationspsychologische Herausforderung.

Warum fachliche Führung allein keine Lösung ist

Mit zunehmender Spezialisierung stoßen klassische Führungsmodelle an Grenzen. Fachliche Führung kann dazu beitragen, vorhandene Expertise besser zu nutzen und Entscheidungen näher an die fachliche Kompetenz zu verlagern. Gerade in regulierten Organisationen ersetzt sie jedoch keine Hierarchie. Vielmehr entstehen hybride Führungsmodelle, in denen fachliche und disziplinarische Führung unterschiedliche, sich ergänzende Aufgaben übernehmen.

Die eigentliche Herausforderung beginnt deshalb nicht mit der Einführung neuer Rollen, sondern mit ihrer Gestaltung im Alltag.

Strukturen verändern – Führung noch nicht

Neue Führungsrollen lassen sich vergleichsweise schnell definieren. Ein neues Führungsverständnis entsteht dagegen nicht durch ein Organigramm.

Werden Verantwortlichkeiten neu verteilt, ohne gleichzeitig Rollen, Entscheidungsräume und Erwartungen zu klären, entstehen Unsicherheit, Doppelzuständigkeiten und Konflikte. Das eigentliche Problem liegt deshalb häufig nicht in der Organisationsstruktur, sondern im fehlenden gemeinsamen Verständnis darüber, wie Führung künftig gelebt werden soll.

Aus organisationspsychologischer Sicht überrascht das nicht. Strukturen lassen sich verändern, Einstellungen, Routinen und Zusammenarbeit entwickeln sich dagegen deutlich langsamer.

Rollen entwickeln statt Zuständigkeiten verteilen

Boris Kaehler beschreibt Führung als professionelles Handeln, bei dem unterschiedliche Führungsrollen bewusst zusammenwirken. Fachliche und disziplinarische Führung stehen dabei nicht in Konkurrenz, sondern ergänzen sich mit klaren Verantwortlichkeiten.

Gerade Führungskräfte, die ihre Rolle über viele Jahre aus ihrer fachlichen Expertise entwickelt haben, erleben diesen Rollenwechsel häufig als Veränderung ihres beruflichen Selbstverständnisses. Verantwortung verändert sich, fachliche Entscheidungen werden stärker geteilt und Erfolg definiert sich zunehmend über das Zusammenwirken verschiedener Rollen. Dieser Prozess benötigt Orientierung und bewusste Gestaltung.

Warum Organisationsentwicklung entscheidend ist

Schiersmann und Thiel weisen darauf hin, dass nachhaltige Organisationsentwicklung nur gelingt, wenn Strukturen, Prozesse und Verhalten gemeinsam weiterentwickelt werden.

Übertragen auf fachliche Führung bedeutet dies: Neue Rollen allein reichen nicht aus. Organisationen müssen Entscheidungsräume klären, Zusammenarbeit gestalten und den Rollenwechsel aktiv begleiten. Erst wenn Erwartungen transparent sind und fachliche sowie disziplinarische Führung vertrauensvoll zusammenarbeiten, entsteht ein Führungsmodell, das im Alltag trägt.

In der Praxis entstehen zusätzliche Spannungen häufig dort, wo neue Führungsrollen mit hohen Erwartungen verbunden sind, die tatsächlichen Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume jedoch begrenzt bleiben. Rollenunklarheit und widersprüchliche Erwartungen zählen zu den häufigsten Ursachen für Konflikte.

Was Führungskräfteentwicklung daraus lernen muss

Die Einführung fachlicher Führung ist deshalb weit mehr als eine organisatorische Veränderung. Sie verändert Anforderungen an Führungskräfte und an die Organisation insgesamt.

Professionelle Führungskräfteentwicklung sollte diesen Rollenwechsel gezielt begleiten. Im Mittelpunkt stehen weniger neue Führungsinstrumente als Rollenklärung, Selbstreflexion, Zusammenarbeit und die Fähigkeit, Verantwortung bewusst zu teilen. Ebenso wichtig ist es, die Zusammenarbeit zwischen fachlicher und disziplinarischer Führung systematisch zu entwickeln und gemeinsame Erwartungen zu klären.

Fazit

Fachliche Führung ist keine isolierte Führungsmethode. Sie ist Ausdruck eines veränderten Führungsverständnisses in einer zunehmend spezialisierten Arbeitswelt.

Ob sie ihre Wirkung entfaltet, entscheidet sich jedoch nicht im Organigramm, sondern im Alltag der Zusammenarbeit. Neue Führungsrollen werden erst dann wirksam, wenn Organisationen den damit verbundenen Rollenwechsel aktiv begleiten und Führungskräfte auf diesem Weg systematisch unterstützen. Genau darin liegt heute eine zentrale Aufgabe professioneller Organisations- und Führungskräfteentwicklung.

Weiterführende Literatur

  • Kaehler, B. (2025). Führen als Beruf. Andere erfolgreich machen. Springer Gabler.
  • Schiersmann, C., & Thiel, H.-U. (2014). Organisationsentwicklung. Prinzipien und Strategien von Veränderungsprozessen (4., überarb. und aktual. Aufl.). Springer VS.

Klarheit schaffen. Potenziale entfalten. Zukunft gestalten.

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